
Depression und Suizid
Dieses Thema ist Teil meiner eigenen Lebensgeschichte. Vor einigen Jahren habe ich eine schwere Depression erlebt und ich habe einen Suizidversuch hinter mir. Ich habe ihn überlebt und ich bin heute dankbar dafür.
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Oft wird Resilienz so beschrieben, als würde ein Mensch nach einem Schicksalsschlag einfach wieder in seine ursprüngliche Form zurückspringen. Ich glaube das nicht. Resilienz bedeutet für mich, wieder gesund zu werden, wieder arbeits und leistungsfähig zu werden und körperlich wieder auf die Beine zu kommen. Und es bedeutet, danach nicht in die alte Form zurückzugehen, sondern in eine neue, in eine bessere.
Ein Kollege sagte zu mir in den ersten Monaten, als ich wieder gearbeitet habe, ich hätte eine neue Form, eine bessere Form meines Ich entwickelt. Ich bin dem Kollegen dankbar, weil er ausdrückt, dass das, was ich selbst wahrnehme offenbar auch von außen erlebbar ist. Mehr Empathie, besseres Zuhören, mehr Wahrnehmung für Emotionen und Zwischentöne. Deshalb ist dieser Teil meines Lebens heute ein unverzichtbarer Teil meiner Arbeit. Nicht, weil ich Menschen mit meiner Geschichte überfallen möchte, sondern weil es wichtig ist, den Hintergrund zu kennen, wenn wir über Führung, Zusammenarbeit und Belastung sprechen.
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Nach dem Suizidversuch und in der Zeit meines Weges zurück ins Arbeitsleben habe ich mich intensiv mit Depression und Suizid in Deutschland beschäftigt. Als ich begann, Zahlen zu recherchieren, war ich schockiert. Bis dahin dachte ich, mein Suizidversuch sei nur meiner. Das stimmt nicht.
Im Jahr 2024 sind in Deutschland 10.372 Menschen durch Suizid gestorben. (Destatis) Gleichzeitig gehen Fachquellen von ungefähr 100.000 Suizidversuchen pro Jahr aus, die genaue Zahl ist schwer zu erfassen, aber die Größenordnung macht deutlich, wie groß das Thema ist. (BMG) Und wenn man es mit Verkehrsunfällen vergleicht, wird die Dimension noch greifbarer, im Jahr 2024 starben 2.770 Menschen im Straßenverkehr. (Destatis)
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Noch breiter und für Organisationen oft noch unsichtbarer ist das Thema Depression. Es gibt den offensichtlichen Schaden, wenn Menschen lange ausfallen. In Auswertungen zur Arbeitswelt verursachen Depressionen sehr viele Fehltage, die DAK berichtet für 2024 von 183 Fehltagen je 100 Beschäftigte. (DAK Gesundheit Home) Mindestens genauso schwer wiegt aber das, was kaum jemand sauber misst, Menschen, die mit Depression am Arbeitsplatz sind, die funktionieren, sich durchschleppen, keine Hilfe bekommen und dabei immer weiter ausbrennen. Für Organisationen ist das menschlich tragisch und wirtschaftlich ein massiver Verlust.
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Aus diesem Grund habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Sensibilität in Unternehmen für Depression, Suizidalität und Burnout deutlich zu erhöhen. Dabei möchte ich nicht nur die Aufmerksamkeit erhöhen, sondern ich möchte es Führungskräften, Nachwuchsführungskräften, Teams und allen Mitarbeitenden ermöglichen, leichter über das Thema zu sprechen. Erfahrungsgemäß ist Depression ein Thema, das stark von Tabus und Sprachlosigkeit betroffen ist.
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Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, meine künstlerische Arbeit in meine berufliche Arbeit zu integrieren. Ein Gedicht, ein Buch, ein Lied oder ein Vortrag senkt die Hürde, über etwas zu sprechen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Künstlerische Arbeit erlaubt es, sich mit Themen zu befassen, ohne sofort einen wissenschaftlichen Anspruch auf Richtigkeit erfüllen zu müssen. Denn bei Depressionen gibt es nicht richtig oder falsch, sondern es braucht die Chance und die Plattform miteinander zu reden und einander zuzuhören.
